Checkliste nach Bosch


Das Asperger Syndrom: bekannte Merkmale

Um die genauen Kriterien für das Asperger Syndrom festlegen zu können, war viel Arbeit notwendig, und es gibt in der Praxis immer noch keine Einigkeit darüber, was nun genau die Merkmale und Unterschiede sind von bzw. zwischen hochfunktionierendem Autismus (der oftmals gar nicht so "hoch"-funktionierend ist), dem Asperger Syndrom und PDD (pervasive, nicht anders bezeichnete Entwicklungsstörung).

Den betroffenen Autisten/Aspergern/PDD-lern selber ist es noch am wenigsten klar: es scheint von der Willkür und Ansicht des Psychiaters, bei dem man zufällig ist, abzuhängen, ob man das eine oder andere Label verpaßt bekommt. In der Praxis heißt das, daß Menschen mit ähnlichen Problemen mal so oder mal so heißen.

Artikel, Bücher und Webseiten, die vom Asperger Syndrom handeln, wissenschaftlich oder auch nicht-wissenschaftlich, geben viele verschiedene Beschreibungen für dieses Syndrom an und zählen ebenso viele unterschiedliche Merkmale auf. Die Liste mit Merkmalen ist sehr lang. Ich habe hier weiter unten die am häufigsten genannten aufgezählt. Viele dieser Merkmale können sowohl bei (hochfunktionierendem) Autismus als auch beim Asperger Syndrom oder bei PDD auftreten. Auch "normale" Menschen oder Menschen mit anderen psychiatrischen Diagnosen werden einige Dinge bei sich selbst wiedererkennen. Es gibt keine deutliche Grenze. Doch wenn du die meisten der genannten Merkmale bei dir wiederfindest, ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, daß du dich im autistischen Spektrum befindest.

Welche Merkmale gibt es also? (In willkürlicher Reihenfolge):

- schlechte (Grob-) Motorik, schlechte Koordination
- stereotype Bewegungen / Tics
- Zwanghaftigkeit (manchmal nur in Gedanken)
- das Nicht- "Sehen" von Dingen und deshalb das Label bekommen "faul", "egoistisch" - sich selbst bevorzugen vor dem anderen - Schwierigkeiten mit Gegenseitigkeit, mehr nehmen als geben, Schwierigkeiten mit Gleichwertigkeit bei Kontakten
- wenn jemand anders etwas erzählt, bewirkt das nicht immer ein Gefühl, also Schwierigkeiten mit Empathie vom Gefühl aus, gelingt oft von den Gedanken aus
- weniger Kontakte als die meisten Menschen: z.B. die Freunde nur einmal im Monat sehen oder sprechen wollen oder höchstens einmal pro Woche, kein Bedürfnis nach intensivem Kontakt
- nicht dauernd im Kontakt sein können mit anderen Menschen oder der Umgebung, auch oft weg sein, buchstäblich (weggehen, sich ins eigene Zimmer zurückziehen, allein sein wollen) und bildlich (dissoziieren, mit dem Verstand weggehen, Abwesenheit/Black out)
- Abwesenheit / Wegtreten / im eigenen Kopf leben / sich in einer eigenen Welt befinden
- Schwierigkeiten mit Menschengruppen, still sein in einer Gruppe, nichts sagen, am Gespräch nicht mehr teilnehmen
- Schwierigkeiten mit oberflächlichen Gesprächen, lieber ernst sein, nicht so schnell humorvoll sein
- nicht kreativ sein
- am liebsten selbständig arbeiten, Dinge auf die eigene Art und Weise tun wollen, Schwierigkeiten mit Teamwork
- individualistisch
- nicht wirklich zu einer Gruppe gehören (wollen), lieber Kontakte unter vier Augen haben
- Schwierigkeiten zu berühren (sich berühren zu lassen)
- große sensuelle Übersensibilität, z.B. bei Geräuschen
- Details: vor allem auf Details achtgeben und die großen Linien aus dem Auge verlieren, nicht immer die Zusammenhänge sehen
- visuell denken: sich im Kopf ein Bild machen, in Bildern denken
- stark analytisch sein
- eher rational als emotional sein, zumindest sieht es für andere so aus, aber selber das Gefühl haben können, sehr gefühlvoll (übersensibel) zu sein. Manche Autisten sind über-, andere untersensibel. Nicht alle Autisten sehen sich hauptsächlich als rational.
- Schwierigkeiten mit dem Äußern von Gefühlen, nicht schnell die eigenen Gefühle sehen lassen
- deutlich eigene Meinungen haben
- Schwierigkeiten, Beziehungen aufzubauen und zu halten, vor allem was (intime) Freundschaften anbelangt
- nur eine Sache aufs Mal tun können
- schnell die Übersicht verlieren
- Trägheit
- Prosopagnosia: keine Gesichter wiedererkennen
- Bedürfnis nach Ruhe und ruhiger Umgebung, Schwierigkeiten mit Streß
- Widersprüchlichkeiten im Inneren: offen-geschlossen, still-viel reden, anpassen-Schwierigkeiten mit Anpassen, flexibel-nicht flexibel, optimistisch-depressiv, frei-gehemmt, Nähe-Distanz, faul-fleißig, rational-emotional und (über)sensibel usw.
- Unbeholfenheit
- Verwirrung bei Neckereien
- denken bei allem, was man tut
- "Professor" in den Augen von anderen
- Schwierigkeiten mit Grenzen
- Schwierigkeiten mit Entscheidungen, unsicher
- Ehrlichkeit
- Getriebensein
- Willensstärke
- Durchsetzungsvermögen
- starkes Gerechtigkeitsempfinden
- fühlt sich "anders" als andere
- von der Umgebung für egozentrisch gehalten werden
- wenig Einfühlungsvermögen
- rigide, Schwierigkeiten mit Veränderungen
- stereotype Interessen, die sehr intensiv sind
- Wortwörtlichkeit
- Bedürfnis nach Struktur
- Schwierigkeiten, selbst Initiative zu ergreifen
- Dinge auf die lange Bank schieben
- (nicht-funktionale) Routinen haben
- Bestehen auf diesen
- (emotionale) Verletzlichkeit
- schlechte non-verbale Kommunikation (z.B. keinen Augenkontakt aufnehmen)
- Naivität
- pedantische (gelehrte) Sprechweise
- Schwierigkeiten mit Intimität und/oder Sexualität
- keine Beziehungen haben (können)
- Bedürfnis nach Vorhersehbarkeit, Probleme mit unerwarteten Dingen
- perfektionistisch
- usw.

Die Folge sind Probleme auf den Gebieten Arbeit, Beziehungen und Freundschaften.

Es ist schwierig, wenn nicht sogar unmöglich, eine Beschreibung des Asperger Syndroms zu liefern, die für alle Asperger gilt. Eine Beschreibung könnte diese hier sein: "Es ist etwas ganz Grundlegendes und Detailliertes, das man nicht in einem Satz zusammenfassen kann, was sich aber in jedem Details deines Lebens widerspiegelt."

Es gibt keinen großen gemeinsamen Nenner, außer den ganz allgemeinen "Schwierigkeiten mit sozialen Kontakten". Was das anbelangt, gilt dann also die Defintion nach DSM IV, die breit und vage gehalten ist, aber wohl jeden umfaßt.

Bei jedem Autisten sieht die Kombination der Merkmale wieder anders aus. Für jedes oben erwähnte Merkmal gibt es jemand mit Autismus, der das nicht hat. Autismus ist etwas, das nicht vom Charakter oder Persönlichkeitsmerkmalen abhängt. Es gibt auch soziale Autisten, die vor allem an andere denken, verlegene Autisten, spontane Autisten, Autisten, die eine "nicht-autistische" Arbeitsstelle haben (wie Autisten, die unterrichten, mit autistischen Kindern arbeiten usw.), Autisten, die "nicht-autistische" Hobbies haben (wie Schauspielerei usw.). Autismus kommt bei ganz unterschiedlichen Menschen vor, mit verschiedenen Bildungsgraden, ledigen oder verheirateten, mit oder ohne Kinder, mit oder ohne Arbeit, selbständig lebend oder betreut.

Manche Merkmale können auch positiv wie negativ sein, eine schwache wie auch starke Seite ausmachen. Diese Checkliste macht hoffentlich ersichtlich, daß Asperger nicht nur negativ ist, sondern daß auch gute Seiten und Talente dazu gehören.

Leider denken viele Menschen bei "Autismus" nur an das stereotype, klassisch autistische Kind, das stark behindert ist. Deshalb sind gute Aufklärung und Information notwendig. Es ist nicht möglich, vollständig zu sein. So steht in diesem Artikel nichts über die Merkmale bei Kindern. Oder über Erblichkeit, über das oft familiär gehäufte Auftreten von Autismus/Asperger. In Zukunft wird man wieder neue Dinge entdecken. Hoffentlich wird es immer mehr Untersuchungen zu Autismus und Asperger geben.

Karin van den Bosch
April 2001

Mit freundlicher Genehmigung von PAS Nederland



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